Wie lebhaft kann ich mich an die Zeit erinnern, die ich allein mit einer Schere verbrachte. Ich fühle immer noch den Zauber, den sie auf mich ausübte. Ein unwiderstehliches Ding, mit dem man Sachen zerteilen, verkleinern oder verschönern kann – eigenständig mit nur einem Finger und Daumen, jedenfalls bei den kleinen Ausführungen.
Ich untersuchte dieses Gerät gründlich. Zuerst mit beiden Händen: aufklappen, zuklappen, aufklappen, zuklappen und so weiter. Wie einfach das ging. Wenn ich unten an den Kreisen zog, gingen die Spitzen oben auseinander. Drückte ich sie wieder zusammen, wurden die zwei Spitzen wieder zu einer. Ganz gleich, wie schnell ich zog und drückte, es passierte immer gleichzeitig. Ein wahres Wunderding.
Meine Untersuchungen kamen in das Stadium der Praxis. Ich wollte genau wissen, wie die Schere funktioniert, wenn ich sie langsam oder schnell bediente, wobei ich meistens sehr sehr langsam und behutsam die Enden zusammendrückte. Und dabei zusah, nein, ich beobachtete sorgfältig, wie sie Millimeter für Millimeter schnitt und zerkleinerte. Dass ich bei all der Faszination dabei Spuren hinterließ, wurde mir erst klar, als ich meinen Eltern Rede und Antwort stehen sollte. Dabei erfuhr ich, dass sich meine Mutter schon länger wunderte, woher die Löcher in der Bettwäsche stammten.

Verraten hatte mich letztendlich das Loch am Knie meiner Schlafanzughose, dass ich mit der großen Schere in die rechte Beinseite kreierte. Frotteestoff wurde ja schließlich noch nicht getestet, und es bot sich an. Mein Vater fragte mich sehr verärgert, ob ich das Loch hineingeschnitten hätte, was ich aus Angst vor einer Strafe natürlich verneinte. Und zum Teil stimmte dies ja auch, da ich die löchrigen Nebenprodukte meiner Erforschungen völlig außer Acht ließ. Nun blitzte aber die Haut meines Knies durch ein solches und ich sollte zur Verantwortung gezogen werden. Wie beeindruckend die Schere auf mich wirkte, würde für meinen Vater als Erklärung für die auf ihn wirkende Zerstörungsphase meinerseits wohl nicht gelten. Also überlegte ich mir eine plausible Antwort auf die Löcherfrage, die meine Eltern beschäftigte. Und ich hatte sie schnell gefunden. „Ich habe das Loch hineingekratzt“, erklärte ich. Logisch, wenn‘s mich am Knie juckt. Leider schien ich wenig überzeugend, denn mein Vater ermahnte mich, ihn nicht anzulügen, da er eindeutig sehe, dass das Loch geschnitten wurde. Bei genauer Betrachtung gab ich ihm innerlich recht und bewunderte ihn heimlich für seine Allwissenheit und seine Beobachtungsgabe.

Im Nachhinein war ich etwas enttäuscht, dass ich für meine phantastische und äußerst kreative Antwort keine Anerkennung bekam. Ich frage mich bis heute, ob meine Eltern hinterher heimlich darüber gelacht haben. Ich jedenfalls muss darüber lachen und – unter uns gesagt – bin ich auch ein wenig stolz auf diese smarte Notlüge für mein damaliges Alter. Die Anziehungskraft einer Schere auf Kinder ist bis heute geblieben und immer wieder denke ich an meine Experimente in Kindertagen mit ihr zurück.

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